Liebe Forengemeinde,
immer wieder lese ich hier, alles (100%), was beim Hund nicht "stimmt", liegt am Halter. Ein Angstbeißer hat schlechte Erfahrungen gesammelt, Hunde, die draußen ziehen und kläffen, sind schlecht erzogen, etc.
Ich sehe das aber teilweise anders.
Natürlich habt ihr Recht und die meisten (!) Probleme entstehen durch Haltungsfehler, schlechte Erfahrungen in der Vergangenheit, Erziehungsfehler, Missverständnisse, etc.
ABER:
In einem anderen Thread erwähnte ich bereits den Aussie-Rüden meiner Freundin. Sie bekam ihn als Welpe von einer befreundeten Züchterin, war mit ihm in der Welpenschule und ist seit 4 Jahren mit ihm 2 mal in der Woche in der Hundeschule und bei einem persönlichen Hundetrainer. Sie war auch schon bei Hundepsychologen, denn der Aussie ist angstaggressiv. Er hat panische Angst vor fremden Menschen und knurrt diese an, sträubt das Fell, fletscht die Zähne, wenn sie nur an ihm vorbeilaufen. Nun hat aber dieser Rüde niemals schlechte Erfahrungen mit Menschen gemacht und meine Freundin und die Trainer sind dann auch langsam völlig ratlos. Die Wurfgeschwister dieses Hundes sind nicht so.
Meine Freundin war sogar 2 Jahre mit einem Hundetrainer zusammen (also beziehungstechnisch), hat mit diesem zusammengelebt und trotzdem ist der Hund so! Es bessert sich minimal und sehr schleppend.
Ein anderes Beispiel ist meine Hündin, die ich seit 2 Jahren habe. Seit 2 Jahren trainiere ich mit ihr, nicht zu fremden Hunden hinzurennen (macht sie teilweise, wenn diese noch hunderte Meter weg sind und rennt wie eine Bekloppte hin, ohne sich abrufen zu lassen, wofür sie öfter mal von den anderen Hunden dann eins aufs Dach kriegt). Ich trainiere das seit 2 Jahren mit Schleppleine und allem möglichen, hatte schon 3 Hundetrainer dabei, die mir allerlei Tipps gegeben haben. Es wird besser, sie lässt sich zu 90% abrufen, rennt nur noch hin, wenn die Hunde im Radius von 50m sind, aber trotzdem gibt es - auch nach 2 Jahren - noch hin und wieder Situationen, in denen ich kurz an die Garage gehe, mich umdrehe und mein Hund weg ist, weil er 500m weiter am Horizont einen anderen Hund entdeckt hat.
Es ist nicht ALLES mit Training 100% in den Griff zu bekommen bzw. dauert es eben seine Zeit. Der eine Hund lernt schneller, der andere langsamer.
Mir sträuben sich die Nackenhaare, wenn ich hier lese "ein total schlecht erzogener Hund, der an der Leine Terror gemacht und gekläfft hat" und dann werden noch Kommentare an die Halter abgegeben, dass ihre Hunde schlecht erzogen seien.
Ich bin nur froh, dass sowas noch keiner zu mir gesagt hat, wenn mein Hund mal wieder autonom auf andere Hunde zugesprungen ist.
Ihr wisst doch gar nicht, ob die Leute an dem Problem schon arbeiten? Ich find es ehrlich gesagt überhaupt nicht toll, denen direkt zu sagen, wie schlecht erzogen ihre Hunde sind. Das kann man dann machen, wenn man die Halter und die Hunde über längere Zeit beobachtet und dann gemerkt hat, dass sie wirklich nichts dafür tun, dass sich was ändert. Aber nur, weil man jemanden auf der Straße trifft mit einem Hund, der sich blöd benimmt, heißt das doch nicht, dass derjenige seinen Hund nicht erzieht!
Als meine Hündin neu war, war sie total abgemagert, sie konnte nicht an der Leine gehen, hat sich vor jedem Chihuahua auf den Boden geworfen und gepinkelt, etc. Da müssen die Leute auch wunder was von mir gedacht haben, aber ich hatte den Hund ja neu! Der war eben total abgemagert, weil er von der Straße kam und er kannte aus diesem Grund keine Leine und das hat seine Zeit gebraucht! Ich konnt mich nicht mit dem Hund daheim hinsetzen und ihm in Ruhe erklären, wie man an der Leine geht, das musste draußen geübt werden.
Ich hatte Trainer und Psychologen hier, habe alle Vergangenheitsproblemchen ausgebügelt, sie ist mittlerweile sehr umgänglich, lässt Besuch in Ruhe, etc. Aber das mit den anderen Hunden dauert eben ewig und das mit dem Fressneid geht überhaupt nicht aus ihr raus. Da muss man dann einfach andere Maßnahmen ergreifen und es gibt halt dann keine Leckerlis mehr in Gegenwart anderer Hunde, etc.
Also 3 Sachen, die ich an der Stelle sagen will:
1. Erziehung dauert und ist nicht von einem Tag auf den anderen gemacht. Wenn man dem Hund effektiv was lehren möchte, dann braucht man vor allem GEDULD dafür.
2. Es gibt Dinge, die man einfach und tatsächlich nicht aus Hunden rausbekommt, auch wenn das manche hier nicht glauben wollen.
3. Auch Hunde haben einen Charakter und sind nicht völlig formbar nur durch Erziehung. Wäre ja schrecklich, wenn es so wäre!
Ich z.B. habe panische Angst vor Spinnen, mir wurde das aber nie vorgelebt, in meiner Familie hat kein Mensch Angst vor Spinnen, außerdem hatte ich nie ein traumatisches Erlebnis mit einer Spinne. Und trotzdem - zum Trotze der Psychologie - habe ich eine ausgeprägte Arachnophobie. Warum sollte das alles bei Hunden anders sein?
Hunde sind verschieden, lasst den Hundebesitzern doch ihre Zeit, an den Hunden zu arbeiten. Meint ihr, wenn da einer auf der Straße läuft, dessen Hund zieht und zerrt und womöglich kläfft und Terror macht, dass der in dem Moment Spaß hat? Dann muss man doch nicht noch seine Erziehung kritisieren. Das Einzige, was man vielleicht machen kann, wenn man sieht, dass er einen groben Fehler macht, ist ihm einen Tipp zu geben, wenn man einen parat hat!
Nur so hilft man Hund und Halter! Ganz bestimmt aber nicht dadurch, dass man dem Mensch dann noch sagt, wie mies erzogen, sein Hund ist.
Auch ihr musstet erst lernen, mit Hunden umzugehen, sie zu verstehen, mit ihnen zu kommunizieren, sie zu lehren und von ihnen zu lernen.
Vielleicht denkt der ein oder andere daran, wenn er das nächste mal einem 'schlecht erzogenen' Hund begegnet...
Just my 2 Cents, ich wollte das unbedingt mal loswerden...
Edit: Wie gesagt, ich bin auch der Meinung, dass es meistens an der falschen Haltung und an Erziehungsfehlern liegt, aber eben nicht ausschließlich und nicht immer. Es gibt seltene Ausnahmen, in denen Hunde einfach sind, wie sie sind und keiner weiß warum.